Wortformen

Unter dem Begriff „Wortformen“ werden einige charakteristische Erscheinungen der Flexion (Beugung) von Verben (Zeitwörtern) sowie Eigenheiten der Personalpronomina (Fürwörter) und Ortsadverbien behandelt.

 

1. Verbflexion - Pluralendungen

Bei den verbalen Endungen im Plural (Mehrzahl) bestehen große Unterschiede zwischen dem Alemannischen und Bairischen:
Im Bairischen finden wir – wie auch in der Standardsprache – zumeist eine gemeinsame Form für die 1. und 3. Person, und eine davon unterschiedene Form für die 2. Person. Wir können somit von einem „Zwei-Formen-Plural“ sprechen:

  • wir/sie seh+enmia/de sechn (Wald/Pinzgau )
  • ihr seh+t es sechts (Wald/Pinzgau )

Im Alemannischen sind dagegen häufig alle drei Personalendungen im Plural gleich – entweder auf -ed oder -nd ("Einheitsplural"):

Pfronten (schwäbisch) wir/ihr/sie seh+ed
Nesslau (südalemannisch) wir/ihr/sie gseh+nd

 

Nur im südlichen Höchstalemannischen finden wir die altertümliche Unterscheidung aller Personen im Plural:

  • wir seh+en, ihr seh+t , sie seh+en
    gsehnd – gsehd – gsehn
    (Vals )

 

2. Verbflexion - Partizip Perfekt von sein
Eines der prominentesten Merkmale des gesamten alemannischen Raumes ist die Form des Partizips Perfekt (Vergangenheitsform) von sein: Es heißt hier gsi – zum Unterschied von den bairischen Dialekten mit spezifischen Ausprägungen von gewesen (gween, gweesn, gweese)

  • gewesen
    alem. gsi (Weiler )
    mbair. gwen (Elsbethen )
    smbair. gwesn (Taxenbach )

 

3. Verbflexion - Infinitivformen
Beispiel sagen

Auch die Infinitivformen (Nennformen) des Verbs zeigen eine charakteristische geographische Verteilung. Dem östlichen Typ mit der Endung -(e)n- mit Ausfall des Vokals und spezifischer Veränderung des n je nach dem Auslaut des Wortstammes – steht der alemannische Typ mit -e gegenüber. Zunächst die Formen von sagen:

  • (ich muss dir etwas) sagen:
    bair. sng (Elsbethen )
    schwäb. sage (Pfronten )
    alem. sääge (Fontanella )

 

4. Verbflexion - Infinitivformen
Beispiel gehen

Komplizierter sind die Verhältnisse beim Verb gehen: Hier ist im mittelbairischen Teil das Infinitiv -n mit dem stammauslautenden Vokal von geh- verschmolzen und ein Nasalvokal entstanden; südbairisch ist das -n nach wie vor erhalten. Im Schwäbischen und im anschließenden Alemannischen liegt jeweils ein anderer Verbstamm zu Grunde (ahd. gân statt gên):

 

  • (ich muss jetzt) gehen
    mbair. gee (Taxenbach )
    sbair. gean, gian (Sexten )
    schwäb. gou (Pfronten )
    alem. g (Chur )

5. Personalpronomina - 2. Person Plural
Als „Kennwort“ des Bairischen gilt das Personalpronomen (persönliche Fürwort) der 2. Person Plural: ees an Stelle des standardsprachlichen ihr. Das Alemannische kennt diese Form nicht, hier lautet das Pronomen wie in der Standardsprache (iar ‚ihr‘). Das Schwäbische hat dafür diar, was auf eine Übernahme des auslautenden -d der verbalen Flexionsendung zurückzuführen ist (sind-iar ‚seid ihr‘ → sind-diar diar sind ‚ihr seid‘).
Dieser Unterschied setzt sich natürlich auch in den weiteren Kasusformen des Pronomens fort: Entsprechend lauten die Formen des Dativs und Akkusativs bairisch eng/enk/enkch gegenüber schwäbisch uib und alemannisch ei/ai/oy.

  • ihr seht (uns nicht)
    bair. ees sechts (Hopfgarten/Brixental )
    schwäb. diar seched (Pfronten )
    alem. iar gseend (Chur )

6. Verkleinerungsformen
Im Standarddeutschen gibt es zwei unterschiedliche Verkleinerungsformen: -chen und -lein: Haus – Häuschen, Zweig – Zweiglein. In unseren Dialekten finden wir ausschließlich den Typ -lein, der allerdings in zwei räumlich unterschiedenen Untertypen auftritt: Im Osten als -al oder -l (Mandal/mandl ‚Männchen‘), im Westen als -le (mit regional unterschiedlicher Aussprache). Im südöstlichen Bayern und angrenzenden Salzburgischen wird die Verkleinerungsform -al als -ai realisiert.

 

  • Wägelein
    mbair. wagl (Ruhpolding )
    mbair. wagai (Elsbethen )
    sbair. wagele (Schlanders )
    schwäb. wägele (Pfronten )
    alem. wägali (Vals )

7. Ortsadverbien
Ortsadverbien geben eine Lagebestimmung an (z.B. ich bin heraußen ‚außerhalb von‘), Richtungs-adverbien zeigen eine Bewegungsrichtung: (Du gehst) hinaus (Du kommst) heraus. Beide Typen sind in den Dialekten besonders vielfältig und systematisch ausgebaut. Neben der eigentlichen Ortsangabe gibt es bei den Richtungsadverbien jeweils auch eine sprecherbezogene Perspektive: hin- bedeutet ‚vom Sprecher weg‘ (vgl. Du gehst hinaus); her- bedeutet ‚zum Sprecher hin‘ (vgl. Du kommst heraus). Auch bei den Ortsadverbien ist eine solche sprecherbezogene Perspektive auszumachen. Im östlichen Gebiet wird die sprechernahe Position durch her-, die sprecherferne Position durch dr- ausgedrückt (vgl. herüben – drüben). Im Alemannischen finden wir dafür meist den Gegensatz von h- gegen d-: henat – denat.

  • (bei uns) herüben
    mbair. herent (Bayrischzell , Wald
    )
    schwäb. hinad (Pfronten )
    alemann. heana (Nesslau )
    südbair. herhiir (Schlanders )
    höchstalem. hierher (Davos )

Es ist allerdings festzuhalten, dass in mehreren Aufnahmeorten die Systematik der Sprecher-perspektiven nicht erhoben werden konnte – entweder war den Sprechern die Unterscheidung nicht (mehr) geläufig oder es wurden andere, allgemeine Lagebezeichnung (da/hier – dort) dafür verwendet.